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Doaram, der Seher
Hier erzähle ich die Geschichte von meinen Reisen in
die Vergangenheit
und in die Zukunft – in eine Zukunft, die, so hoffe ich, niemals sein wird.
Doaram, der Seher
als Word Dokument
a1. Das geraubte Steinmesser. Dipps’ Verwirrung. Persönlicher Besitz. Häuser und Hütten
a2. Meine Eltern. Erste Erinnerungen an ein früheres Leben
a3. Der Pfeil, der nicht traf. Kindliche Schauungen
a4. Fragestunde bei Grossvater. Wochentage. Die Sonne. Mütter und Kinder
a5 Ein neuer Lehrer. Boten und Botinnen. Der Rat der Frauen.
a6. Die Lehren Milums. Sonnenstand und Zeitbestimmung. Gedankenlesen.
Jagd auf Tiere. Fleisch essen
a7. Mein Grossonkel Dulgur. Meine Fragen nach der Wiedergeburt
a8. Milums Mond. Wo bleibt die Sonne in der Nacht?
a10. Mein
vergangenes Leben am Fluss und
dortiger früher Tod. Schulung im Jenseits.
Planung
meines jetzigen Lebens
b1. Der todkranke Junge. Zusammenbruch auf der Wiese. Pflege im Haupthaus. Genesung
b2. Eine Reise in eine andere Welt. Moos, Eule, und die Weise Frau im Berg
b3. Mein neues Leben. Der Weise Mann vom Dorfe am Berg. Willensfreiheit
b6. Mein neuer Schild. Wettkämpfe zur Sommersonnenwende. Der Waffenschmied
b8. Milums Wanderung in den Süden
b9. Das Geschenk der Heilerinnen. Heilen mit Pflanzen.
Geistiger und
stofflicher Anteil der
Pflanzen
b10. Die Geschichtenerzählerin. Wie kamen die Menschen auf die Erde?
C. Reisen in Vergangenheit und Zukunft
A. Meine Lehrer
a1. Das geraubte Steinmesser Dipps’ Verwirrung. Persönlicher Besitz.
Häuser
und Hütten
Bevor ich euch von meinen Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft berichte, bevor ich euch von meinen Reisen in die andere Wirklichkeit und in das Jenseits berichte, möchte ich euch ein klein wenig die Welt schildern, in der ich meine Kindheit verbrachte.
Der Knabe lief hinunter zum Bach. Er hatte sich das Knie aufgeschlagen, und er wollte es dort kühlen. Nachdem er das Blut abgewaschen hatte, hielt er sein Knie noch eine Weile in das klare, kühle Wasser. Der Schmerz liess schnell nach, und er suchte ein paar Blätter des Herbkrauts, um sie daraufzulegen. Er hielt seine Hände über das Knie, so wie Grossvater es zu tun pflegte, wenn er eine Verletzung heilte.
Als er später ins Dorf zurückkehrte, sahen alle, dass etwas nicht stimmte, denn der Knabe lief ganz gebeugt einher, da er die Blätter noch auf dem Knie festhielt. Grossvater lugte aus seiner Hütte, kam hervor und betrachtete den Knaben.
„Gut gemacht!“ sagte er zu ihm, „Doaram, du wirst einmal ein Heiler werden und ein tapferer Krieger dazu.“
Doaram, das bin ich. Ich war damals 14 Jahre alt. Ich frage viel und rede gerne mit den Menschen. Am liebsten möchte ich alles wissen: Wie es den Menschen geht, was sie über die Welt denken, und wie alles zustande gekommen ist, so wie es ist. Die Menschen nennen mich „den Wissbegierigen“.
Ich habe keine Geschwister. Aber Gaír, der zu jener Zeit sechzehn Jahre alt ist, der Sohn meines Onkels Milum, ist wie mein grosser Bruder. Obwohl wir im Wesen so verschieden sind, sind wir doch ein Herz und eine Seele. Wenn Gaír etwas fehlt, so weiss ich es, auch wenn wir gar nicht beisammen sind. Einmal hatte er sich so im Gestrüpp verfangen, so dass er nicht mehr herauskam. Obwohl ich dreimal so weit von ihm entfernt war, wie man rufen kann, wusste ich, dass er in Not war und rannte mit meinem scharfen Steinmesser zu ihm, um ihn zu befreien. Es gelang mir allerdings nicht (ich war erst zehn Jahre alt), und erst als mein Onkel Milum hinzukam, konnten wir ihn erlösen.
Grossvater heilte die blutenden Wunden, die die Dornen gerissen hatten. Schon damals zeigte sich „mein grosser Bruder“ tapfer und weinte nicht. Mein Grossvater war stolz auf uns.
Ein anderes Mal, im Alter von zwölf Jahren, war ich im Aussendorf sehr wütend auf meinen Vetter Dipps, weil er mir mein Messer weggenommen hatte. Obwohl Gaír sich im Hauptdorf aufgehalten hatte, welches zweimal Tausend Schritte vom Aussendorf entfernt liegt, kam er herbeigerannt, um mich zu beruhigen.
Dipps’ Verhalten war für mich schwer zu ertragen, denn er verstiess gegen eine unserer Grundregeln. Die Grundregeln verstand ich damals nicht alle, aber soweit ich sie verstand, waren sie mir sehr wichtig, wohl auch deshalb, weil ich sehr bemüht war, sie vollständig zu erlernen.
Im Allgemeinen leben wir alle gemeinsam im Wald, auf den Wiesen, am Fluss. Wir leben gemeinsam mit den Pflanzen und Tieren und mit allem um uns herum. Aber es gibt einige Dinge, die nicht gemeinsam sind, sondern zu einer einzelnen Person gehören, so zum Beispiel die eigene Kleidung, die eigene Ess-Schale und das eigene Steinmesser. Es besteht eine besondere Gemeinschaft zwischen einem Ding, welches zu mir gehört, und mir. So besteht eine enge Gemeinschaft zwischen meinem Messer und mir. Diese Gemeinschaft wird von allen geachtet und ist unzertrennlich.
Dipps nun hatte mir mein Messer weggenommen, und ich war fassungslos. Das Messer hatte mein Onkel Milum mir geschenkt, als ich zehn Jahre alt war. (Kinder bekommen ein kleineres und einfacheres Messer als Jungmannen. Wenn ein Heranwachsender beim ersten Einweihungsfest in die Gemeinschaft der Jungmannen aufgenommen wird, bekommt er ein besonders für ihn hergestelltes, schöneres und grösseres Messer.)
Aber auch das Messer eines Kindes gehört zu ihm. Wenn meine Mutter einmal mein Messer ausleihen wollte, da sie ihres nicht gleich zur Hand hatte, bat sie sehr höflich um meine Erlaubnis, so als wäre ich ein Erwachsener. Manchmal habe ich mich darüber recht gewundert, aber es wurde mir damals langsam klar, wie wichtig für unser Volk die Grundregeln sind und wie genau sie befolgt werden müssen.
Nun hatte Dipps mir mein Messer weggenommen, und ich konnte nichts dagegen tun, da er grösser und stärker war als ich, und überdies war er weggelaufen. Gaír kam herbeigerannt, nahm mich in den Arm und sagte, da er von Ferne her wusste, was geschehen war:
„Sei tapfer, zürne ihm nicht. Irgend etwas ist mit ihm geschehen, so dass er nicht wusste, was er tat. Du wirst dein Messer wiederbekommen, und Dipps wird lernen, dein Eigentum zu achten. Aus irgendeinem Grunde muss er verwirrt gewesen sein.“ –
Dann gibt es noch etwas, das nicht zu allen gehört, aber auch nicht zu einem einzelnen Menschen. Das ist insbesondere die Hütte oder das Haus. (Von einem Haus spricht man, wenn es aus stabilen Holzstämmen oder aus Steinen oder aus Lehm gebaut ist und ein etwas geneigtes Dach hat. Eine Hütte besteht aus einfachen Holzstangen, über die Felle und manchmal auch Blätter gespannt sind. Häuser sind fester als Hütten; die Hütten brechen manchmal bei Sturm zusammen. Das grösste Haus im Dorf ist das Versammlungshaus; es wird für Zusammenkünfte der Ältesten benutzt und für Feierlichkeiten. Es wohnt niemand darin. Es gehört zu allen Menschen des Dorfes und wird sorgsam gepflegt und reingehalten.)
Eine Hütte oder ein Haus gehört zu der Familie, die in ihm wohnt. Eine Familie besteht meist aus den Grosseltern, den Eltern und den Kindern. Wenn jemand, der nicht zur Familie gehört und nicht dort wohnt, etwas möchte, dann bleibt er oder sie höflich am Eingang stehen und trägt seinen Wunsch vor. Niemals würde jemand darum bitten, eintreten zu dürfen. Nur wenn man dazu aufgefordert ist einzutreten, und wenn alle Höflichkeitsregeln beachtet sind, tritt man ein, nachdem man die Schuhe ausgezogen hat. Aber auch nur, wenn die Kleidung nicht verschmutzt ist.
In unserem Dorf leben ungefähr 100 Menschen in etwa 20 Häusern und Hütten. In einigen kleineren Hütten lebt je nur ein einzelner Mensch, und das kann verschiedene Gründe haben. Zum Beispiel kommt es vor, dass eine junge Frau, nachdem sie zum ersten Male geblutet hat, allein sein möchte, da sie jetzt kein Kind mehr ist, aber auch noch keine Frau. Sie fühlt sich in Unruhe und Unsicherheit und kennt ihre Rolle in der Familie nicht mehr. Wenn sie dann allein in einer Hütte lebt, kommen dreimal am Tage ältere Frauen zu ihr, um sie zu trösten, um mit ihr zu sprechen und um ihr zu Essen und zu Trinken zu bringen.
Oder ein junger Mann, der schon als Erwachsener eingeweiht wurde, konnte die junge Frau, in die er sich verliebt hatte, nicht für sich gewinnen. Dann lebt er in seinem Kummer für eine Zeit allein in einer kleinen Hütte oder im Wald.
Für gewöhnlich aber leben etwa 4 Menschen in einer Hütte und 6 bis 8 Menschen in einem Haus. Wenn eine neue Familie entsteht, etwa weil eine Frau und ein Mann sich gefunden haben und heiraten, wenn aber das Haus der Eltern der jungen Frau zu klein ist, um noch mehr Menschen zu beherbergen, dann muss ein neues Haus gebaut werden. Das ganze Dorf hilft dabei mit. Die Männer machen die schwerere Arbeit, wie zum Beispiel Bäume fällen und schleppen, Steine herbeitragen oder Lehmziegel formen und aufschichten. Die Frauen machen die körperlich leichtere Arbeit, wie zum Beispiel Blätter und Schilf schneiden, Schilf binden, Felle schneiden und zusammennähen, immer alles sauber halten, Essen zubereiten und so weiter. Wenn das Haus fertig ist, wird ein grosses Fest gefeiert, zu dem auch Leute aus den Nachbardörfern eingeladen werden.
Dieses Fest ist zugleich auch die Gelegenheit, dem jungen Paar reichliche Geschenke zu machen, um ihren neuen Hausstand auszustatten. (Bei der vorangegangenen Hochzeit werden nur magische Geschenke gemacht, die von einer Medizinfrau begutachtet und geweiht wurden. Dazu kann ein Anhänger gehören oder eine Halskette oder eine Fruchtbarkeitsgestalt, auch vielleicht ein Kleidungsstück von besonderer Bedeutung.)
Bevor ein Paar ein neues Haus beziehen kann, muss es geheiratet haben. Die Heirat wird in einer glanzvollen Feier vollzogen, bei der die wichtigsten Medizinfrauen des Dorfes eine Rolle spielen und ein oder zwei Zauberer. Auch werden Medizinfrauen und Zauberer aus Nachbardörfern hinzugezogen, wenn nach dort hin verwandtschaftliche Beziehungen bestehen. Nach der Hochzeit verschwindet das frisch vermählte Paar für einig Zeit in den Wäldern, weswegen die meisten Hochzeiten im Sommer gefeiert werden.
a2. Meine Eltern. Erste Erinnerungen an ein früheres Leben
Meinen Vater habe ich nie gekannt. Er war, bevor ich geboren wurde, nicht von einer Jagd zurückgekehrt. Seine Jägerfreunde haben ihn tagelang gesucht, aber keine Spur von ihm gefunden. – Wie erzählt wurde, war mein Vater ein schweigsamer Mann gewesen. Er war mit Leib und Seele ein Jäger gewesen und hielt sich auch sonst am liebsten in den Wäldern auf, oder auf den Hügeln oder am Fluss. Er war ein Einzelgänger. Als ich geboren wurde, war meine Mutter in Trauer. Sie hat nie wieder einen Mann gehabt.
Als ich etwa vier Jahre alt war und in zusammenhängenden Sätzen sprechen konnte, erzählte ich von meinem Vater. Man dachte zunächst, dass ich bemerkt hatte, dass andere Kinder einen Vater haben und wir nicht, und dass ich mir einen Vater wünsche. Als ich jedoch auch von meiner Mutter sprach und dass wir sehr arme Leute seien, die allein unten am Fluss leben und kaum mit anderen Menschen sprechen, da wurde es meiner Mutter und den anderen klar, dass ich nicht von meinen jetzigen Eltern sprach, sondern von meinen Eltern in einem früheren Leben.
Ich berichtete, dass wir oft nicht viel zu essen haben; dass mein Vater häufig fischen geht, dass er wenig spricht und dass er blonde Haare hat. Auch erzählte ich mit Anzeichen der Furcht, dass ich Angst vor dem Fluss habe und dass der Fluss mich töten werde.
Es war in unserem Volke allgemein bekannt, dass ein Mensch einige Jahre nach seinem Tode als ein anderer Mensch wiedergeboren wird. Die neue Geburt ereignet sich nicht selten in derselben Familie oder in der nächsten Verwandtschaft. Bisweilen hat der Verstorbene seine neue Geburt als Sohn oder Tochter einer ganz bestimmtem Frau oder in eine ganz bestimmte Familie hinein noch vor seinem Tode vorhergesagt; in anderen Fällen erscheint der Verstorbene der schwangeren Frau im Traum und kündigt seine Wiedergeburt aus ihrem Schosse an. Das Neugeborene wird manchmal an einer kleinen Narbe erkannt, welche es von Geburt an genau an der Stelle hat, an der der Verstorbene eine Verletzung trug. Wenn das Kind heranwächst, zeigt es oft Verhaltensweisen, die dem Verstorbenen eigen waren, wie zum Beispiel Vorliebe oder Abneigung zu Fisch-Speisen, Freude am Holz-Schnitzen, gute Kenntnis der Tiere und der Bäume im Walde, Furcht vor Pfeil und Bogen, und so weiter. Wenn ein Kind sehr früh stirbt, wird es oft von derselben Mutter später neugeboren. Und die Mutter weiss es.
Meine Mutter nahm meine Erzählungen verständnisvoll auf, und wenn ich über die Erinnerungen in Traurigkeit verfiel, dann nahm sie mich in den Arm und tröstete mich. – Mit der Zeit verloren sich diese frühen Erinnerungen an ein voriges Leben, und heute weiss ich nur noch davon, weil meine Mutter mir später davon erzählte. –
Meine Mutter ist eine schöne Frau. Sie hat nur mich als einziges Kind. Wenn sie mich an sich drückt, spüre ich noch etwas von der Seligkeit jener Zeit, als sie mich an ihre Brust legte. Es war für sie die Zeit des höchsten Mutterglücks gewesen und für mich ein Gefühl der unendlichen Geborgenheit und einer Wonne, die ich so nie wieder gekannt habe. – Ich war zu einer Zeit, mit zehn oder zwölf Jahren, sehr verliebt in meine Mutter und hätte sie am liebsten geheiratet. Die Frau, die ich einmal heiraten würde, müsste so sein wie meine Mutter, dachte ich. –
a3. Der Pfeil, der nicht traf. Kindliche Schauungen
Soweit ich zurückdenken kann, habe ich oft Dinge gesehen, die für andere nicht vorhanden waren. Als ich einmal krank war und mit Fieber auf der Matte lag, sah ich in unserer Hütte eine kleine, helle, wunderschöne Gestalt, die mir einen Trank gab, der aus Nichts bestand oder aus Luft oder aus Geist, und nach 2 Tagen war ich wieder gesund. Ich schilderte meiner Mutter diese schöne Gestalt, und sie sagte, es sei ein Engel gewesen, und zwar ein Engel, der die Aufgabe hat, kleine Kinder zu heilen. Ich fragte:
„Mama, die Medizinfrau hat mir doch auch einen Trank gegeben, der sehr bitter schmeckte. Welcher Trank hat denn nun geholfen: Der von der Medizinfrau oder der von dem Engel?“
Meine Mutter antwortete: „Ich fürchte, du warst sehr krank. Dann haben die beiden zusammengearbeitet. Unsere gute Medizinfrau hat dir mit den Kräutern aus dem Walde geholfen, und der Engel mit einem geistigen Getränk aus dem Himmel.“
Ich fragte: „Mama, wo ist der Himmel?“ und erhielt die Antwort:
„Wie du weißt, gibt es viele Wesen, die keinen festen Körper haben. Das sind die Wesen, die du manchmal in deinen Bildern siehst. Davon gibt es sehr viele, so zum Beispiel die Feen, die Elfen und Zwerge, die in der Natur leben. Dann gibt es aber auch noch die anderen, die nicht hier bei uns im Walde leben, sondern die Engel und die Seelen der Toten, die in einer anderen Welt leben; wir nennen es den Himmel.“
Ich fragte: „Haben die Engel im Himmel einen Körper, den man anfassen kann?“
„Du solltest jetzt besser schlafen, mein Kind.“
„Haben die Seelen der Toten im Himmel auch einen Körper, den man anfassen kann?“
Mama gab mir einen dicken Kuss: „Gute Nacht, mein Kind, morgen bist du wieder gesund.“ –
Ein andermal sah ich einen Mann den Weg durch das Dorf schreiten, den die anderen Kinder nicht sahen. Er ging in ein Haus, in das Haus, in dem mein Onkel Milum mit seiner Familie wohnt, und verschwand darin. Aber auch die Leute in dem Haus haben niemanden gesehen. In den folgenden Nächten haben sie aber sehr unruhig geschlafen, bis sich mein Onkel Milum entschloss, das vernachlässigte Grab seines Vaters Dulgur in Ordnung zu bringen und einen Zaun darum zu bauen, da häufig Hasen das Grab abernteten.
Manchmal konnte ich auch in die Zukunft blicken. So träumte ich eines Nachts, dass meine Mutter auf dem Wege hinfiel und sich den Fuss verstauchte. Ich war sehr erstaunt, als genau das am nächsten Tage geschah, und ich fragte mich, ob ich es nicht besser meiner Mutter gesagt hätte.
Stürme und Regen vorherzusehen war für mich ganz normal, aber das konnte Grossvater auch. Schwierig war es für mich, wenn ich etwas Unangenehmes oder gar ein Unglück vorhersah. So sah ich einmal im Traum, wie eine Rotte Wildschweine bei uns ins Dorf einfiel und zwei Hütten verwüstete. So geschah es, und ich machte mir Vorwürfe, weil ich es niemandem gesagt hatte.
Einmal hatte ich Gaír von einem Traum erzählt, in welchem ein Blitz in den höchsten Baum am Rande unseres Dorfes einschlug. Gaír lächelte nur etwas ungläubig, und dann, als zwei Tage später der Baum vom Blitz zerfetzt wurde, sah er mich erstaunt, aber immer noch ungläubig an.
Manchmal wünschte ich mir, nicht in die Zukunft sehen zu können. Doch einmal konnte ich Gaír, den Sohn Milums, warnen, er würde bei der Jagd von einem Pfeil getroffen werden. Tatsächlich entstand bei der nächsten Jagd eine ganz unglückliche Lage, in der Milums Sohn hätte von einem Pfeil getroffen werden können, wenn er nicht auf Grund meiner Warnung sehr vorsichtig gewesen wäre. Er hatte sich nämlich hinter einem Baum versteckt, um einem Wildschwein aufzulauern, als just das Wildschwein vor dem Baum herlief und ein Jäger einen Pfeil auf es abschoss.
Milums Sohn Gaír und ich waren stets herzlich miteinander verbunden. Ich hatte das Unglück so deutlich vor mir gesehen und war so in Sorge gewesen, dass ich nicht nur ihn gewarnt hatte, sondern auch zu Grossvater gegangen war, um mir Rat zu holen. Grossvater hat meine Sorge verstanden und mich zu einem Zauberer geschickt, welcher einen geheimen Gegenzauber vorschlug. Der Zauberer war der Meinung, dass dort magische Kräfte im Spiel seien, um Milum und seinem Sohn zu schaden, und dass es besser sei, einen Gegenzauber anzuwenden. Leider durfte ich nicht dabei sein, wie er gegenzauberte.
In diesem Falle hatten alle mir geglaubt, zu meiner grossen Erleichterung. Bei Grossvater war es nicht so sehr verwunderlich, denn er kannte mich gut und war selbst ein wenig ein Magier. Aber auch Milums Sohn und auch der Zauberer glaubten mir, zum Glück.
Es gelang mir mit der Zeit, meine Blicke in die Zukunft weniger wichtig zu nehmen oder sie gar nicht zu beachten, so dass ich weniger Schwierigkeiten damit hatte, bis …, ja, bis zu meiner grossen Schauung…
a4. Fragestunde bei Grossvater. Die
Wochentage. Die Sonne.
Mütter
und Kinder
Als ich vierzehn Jahre alt war, war meine Wissbegier so gross und allgemein bekannt geworden, dass Grossvater schier verzweifelte und nach einem Ausweg suchte. Ich hatte ihn schon tausend Sachen gefragt, und er hatte immer geduldig geantwortet, so gut er konnte. Er wusste schon sehr viel, aber manchmal ging es ihm doch über die Hutschnur.
So fragte ich Grossvater einmal, wieso fast alle Wochen sieben Tage haben, manchmal eine Woche jedoch acht. Er antwortete:
„Sohn meiner Tochter! Du fragst mehr, als ein alter Mann beantworten kann. Wir müssen manchmal einen Wochentag einschieben, weil sonst der Himmel durcheinanderkommt. Den Beschluss fassen die Weisen Männer der miteinander befreundeten Dörfer. Manchmal treffen sie sich in einem der Dörfer im Versammlungshaus, manchmal genügt es aber auch, dass sie sich durch Boten verständigen. Für gewöhnlich wissen sie jedoch schon im Voraus, was sie beschliessen werden, und meist folgen sie dem Rat des Weisen vom Dorf am Berg. Der weiss am besten Bescheid über die Sterne.“
Ich war nicht sehr zufrieden mit der Antwort, denn sie sagte zwar aus, wie der achte Tag festgelegt wird, sagte aber nicht, warum?
Der achte Tag wird Erdentag genannt und wird stets nach dem Venustag eingelegt.
Die Tage der Woche sind nach den Himmelskörpern benannt und heissen: Sonnentag, Mondentag, Marstag, Merkurtag, Jupitertag, Venustag, Saturntag, und manchmal der achte Tag Erdentag. Der Erdentag ist immer etwas Besonderes: Da wird alles nur Mögliche getan zur Pflege der Mutter Erde, indem überall der Boden gereinigt und gerecht wird, die Bäume werden von falschem Geäst befreit und alles, was so herumliegt, wird beseitigt. Nachher sieht die ganze Umgebung des Dorfes wie neu aus und frisch, und die Häuser werden neu geschmückt, und am Abend gibt es auf dem Dorfplatz Musik und Tanz und für alle etwas Gutes zu essen.
Die Menschen in unserem Dorf sind fast immer gut gelaunt und fröhlich, aber am Erdentag ist die Stimmung noch etwas anders, da wir alle wissen, dass wir die Kinder der Mutter Erde sind und dass sie uns schützt und nährt. Es herrscht eine Stimmung der Dankbarkeit und der engen Verbundenheit. –
Eine andere Stimmung gibt es bei uns, wenn wir Angst haben vor einem Unwetter und vor Blitz und Donner. – Noch eine andere Stimmung gibt es, wenn jemand sehr krank ist und wir alle für ihn beten. –
Einmal fragte ich Grossvater, warum es im Sommer ziemlich warm ist und im Winter ziemlich kalt. Grossvater antwortete:
„Sohn meiner Tochter! Es hängt mit der heiligen Sonne zusammen. Denn die ist es, die uns die Wärme spendet. Im Sommer steht sie hoch am Himmel; dann kann sie uns besser sehen und erwärmen, Im Winter steht sie tiefer und geht früher unter; dann sieht sie uns weniger gut und wärmt uns weniger. Das ist der Lauf der Dinge; alles vergeht und alles kommt wieder.“
„Aber Grossvater, wo bleibt die Sonne denn in der Nacht? Sieht sie uns dann überhaupt nicht?“
„Doaram, mein lieber, guter Enkel! Sie verschwindet am Abend hinter dem Wald im Westen und sie kommt am Morgen über dem Wald im Osten wieder hervor. In der Nacht schläft sie, so wie wir Menschen, und schliesst ihre Augen. Dann sieht sie uns nicht und schickt uns auch kein Licht. Licht ist Wärme, und Wärme ist Leben; also wird man sagen müssen: Licht ist Leben.“
„Grossvater, hast du nicht einmal gesagt, dass es eine Zeit gab, als es immer sehr kalt war, und überall war Eis und Schnee, und die Menschen hatten nichts zu essen und mussten sterben? War dort die Sonne ganz verschwunden?“
Ich hatte, und habe immer noch, ein gutes Gedächtnis für alles, was ich je gehört habe, und ich bewege es in meinen Gedanken. So denke ich immer über die Sonne nach, wenn ich sie am Himmel sehe, ob sie wohl morgen wiederkommen wird oder ob sie eines Tages ganz verschwinden würde? Die Kälte, die wir im Winter erleiden müssen, ist mir ein Graus, und noch viel kälter und immer kalt, das macht mir grosse Angst. Grossvater antwortete:
„Doaram, mein Lieber! Dass es so kalt war, das ist sehr lange Zeit her. Mein Grossvater hat es nicht erlebt, und dessen Grossvater hat es auch nicht erlebt. Wir wissen davon nur aus den Erzählungen der Geschichtenerzähler, und du kannst deine Mutter fragen, denn sie ist eine Geschichtenerzählerin, wie du weißt. Ausserdem wissen wir es aus dem gemeinsamen Gedächtnis unseres Volkes.“
Für jenen Tag war die Fragestunde bei Grossvater beendet, denn er war alt und ermüdete leicht. Ich nahm mir vor, meine Mutter bei nächster Gelegenheit nach der kalten Zeit zu fragen, die so lange her ist, dass niemand sie selbst erlebt hatte, und ob die kalte Zeit wiederkommen würde.
Mutter hatte uns viele Geschichten erzählt, als wir noch kleiner waren, aber es waren solche Geschichten, die wir Märchen nannten, die von Feen und Elfen und Zwergen und von grossen und kleinen Menschen handelten und von Zauberern und von weisen Frauen. Aber über die Sonne hatte sie noch nicht viel erzählt, wo sie nachts bleibt und ob sie am nächsten Morgen auch sicher wiederkommt.
Zudem war es wohl so, dass meine Mutter auch von alten Zeiten erzählte und wie die Welt entstanden ist und die Pflanzen und die Tiere und die Menschen; aber das hatte sie nicht uns Kindern erzählt, sondern sie erzählt es den Erwachsenen und vor allem den Neu-Eingeweihten in dem Jahr nach der ersten Einweihungsfeier. Ich hatte darüber eine Vermutung, weil ich hier und da etwas aufgeschnappt hatte, aber Genaueres wusste ich nicht.
Schon drei Tage später erwischte ich Grossvater wieder bei guter Laune, und es kam, was kommen musste: Ich setze mich unhöflich hin und starrte ihn an, und mein guter Grossvater setze sich neben mich.
(Es war ganz unmöglich, dass ein Kind sich hinsetzt, wenn ein älterer Mensch noch steht. Aber Grossvater war sehr nachsichtig mit mir; manchmal zu sehr, so dass meine Mutter, seine Tochter, ihn deswegen tadelte. Doch Grossvater strahlte die Gelassenheit des Alters aus. Hinzu kam, dass er offenbar eine grosse Wertschätzung für mich hatte, wie ich aus seinen Worten entnahm, wenn er mich „mein kleiner weiser Mann“ nannte oder „mein kleiner Wissender“. Das waren Koseworte, die niemand so richtig ernst nahm; mir blieben sie jedoch im Herzen und verbanden mich um so tiefer mit ihm.)
„Grossvater, warum hat meine Mutter nur mich und die anderen Mütter haben manchmal zwei oder drei Kinder? Und unsere Nachbarin hat sogar fünf Kinder!“
Grossvater sah mich erstaunt an: „Das haben wir nun davon, dass wir dir die Zahlen beigebracht haben; jetzt zählst du schon, wie viele Kinder jede Frau hat!“
„Grossvater, sage es mir!“
„Das ist eine Angelegenheit, die nur die Frauen etwas angeht. Alles, was mit der Zeugung, mit der Schwangerschaft und mit der Geburt zusammenhängt, ist Frauensache, und wir Männer wissen nichts darüber.“
„Halten sie es geheim?“
„Ja! Sie erzählen uns nichts, sie beraten sich nur unter sich, und bei einer Geburt sind nur Frauen anwesend. Wir Männer würden es aber auch nicht verstehen, wenn sie uns etwas darüber mitteilen würden.“ Grossvater wirkte etwas enttäuscht.
„Aber bei der Zeugung ist doch auch der Mann dabei! Was ist das überhaupt, die Zeugung?“
„Mein lieber, guter Enkel!“ Es entstand eine Pause. „Doaram, du kommst jetzt in das Alter, wo du etwas über diese Dinge erfahren solltest. Aber ich glaube auch, dass du schon mehr darüber weißt, als du vorgibst zu wissen.“ Pause. „Eine Zeugung findet statt, wenn ein Mann und eine Frau beisammen sind und sich eng umarmen. Was dann geschieht, hast du schon oft beobachtet, wenn Hunde oder Schweine oder Hühner sich paaren; das ist von der Natur gegeben. Tiere haben keine Scham und paaren sich in der Öffentlichkeit, wenn jeder es sehen kann. Menschen tun es nur, wenn sie allein sind und in der Nacht. Vorzugsweise schlafen Menschenpaare in der Nacht des Vollmonds miteinander, denn nur dann kann eine Frau schwanger werden und ein Kind bekommen. Wenn die beiden beisammen sind, und der Vollmond ist mehr als zwei Tage entfernt, vorher oder nachher, dann wird die Frau nicht schwanger.“
„Grossvater, du weißt doch sehr viel darüber, obwohl du ein Mann bist!“
„Das ist aber auch alles. Das ist das Wenige, was wir Männer darüber wissen müssen und wissen dürfen.“
Nach einer Weile fuhr Grossvater fort: „Überhaupt, wir leben mit dem Mond. Er bestimmt, wann wir einen Baum fällen, um Holz zum Bau eines Hauses zu bekommen, er bestimmt, wann wir im Garten säen und ernten und wann wir auf die Jagd gehen; er herrscht über Empfängnis, Geburt und Tod; er begleitet Gesundheit und Krankheit. Daher ist es so eingerichtet, dass Vollmond, Halbmond und Neumond immer auf einen Mondentag fallen, und deshalb haben wir manchmal Wochen zu acht Tagen.“
Ich schwieg, weil ich wusste, Grossvater hatte sich für heute verausgabt. Nach langer Zeit der Stille verabschiedeten wir uns, wie Männer es tun, und wünschten uns eine gute Nacht. –
a5. Ein neuer Lehrer. Boten und Botinnen. Der Rat der Frauen.
Grossvater, Milum und der Heiler aus dem Dorf am Fluss treffen sich bei uns im Versammlungshaus. Ich habe mich schon oft gewundert, dass wir in unserem Dorf keinen Weisen Mann haben, der so bezeichnet wird. Wenn die Weisen Männer der Dörfer sich treffen, sind von unserem Dorf meist Grossvater und Milum dabei. Milum ist der Mann der Schwester meiner Mutter, also so etwas wie mein Onkel. Von seinem Sohn Gaír habe ich ja schon gesprochen.
Bei der nächsten Gelegenheit werde ich Grossvater fragen, warum wir bei uns im Dorf keinen Weisen Mann haben. Im Augenblick findet aber die Versammlung im Haupthaus statt, ohne dass man ausserhalb recht weiss, was es zu bereden gibt. Manchmal werden während oder nach einer Versammlung der Weisen Männer ein Bote und eine Botin in das Frauenhaus geschickt, um eine Botschaft dorthin zu überbringen und um auf dem Rückweg wieder eine Botschaft ins Versammlungshaus zu tragen.
Das Frauenhaus ist kleiner als das Versammlungshaus und wird nicht für Feiern oder Festlichkeiten benutzt. Es ist besonders schön geschmückt, und niemals darf ein Mann es betreten. (Eine entsprechende Regel gibt es für das Versammlungshaus nicht, weil es auch für Feiern und Feste genutzt wird.)
Irgendwoher hatten die Weisen Frauen gewusst oder geahnt, dass sie eine Botschaft empfangen würden und dass eine Antwort erwartet würde. Erst sehr viel später erfuhr ich, was dann gespielt wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder brauchen die Männer einen Rat, oder aber sie brauchen bei sehr wichtigen Entscheidungen die Zustimmung der Weisen Frauen.
Während die Männer um ihre Beratungen ein rechtes Gewese machen und jedermann schon im Vorhinein weiss, dass sie bald tagen werden, verhalten sich die Frauen sehr still. Aber die Wahrheit ist, dass bei wichtigen Entscheidungen die Frauen das letzte Wort haben. Das ist, wie ich später erfuhr, eine unbestrittene Regel, von der es keine Ausnahmen gibt. Aus Sachen der Jagd oder der Zauberei halten sich die Frauen allerdings heraus; umgekehrt befassen sich die Männer nicht mit der Kräuterheilkunde, ausser mit dem Notwendigsten, was man für den Notfall in der Wildnis braucht.
Es gibt auch Männer, die Heiler sind, aber sie heilen nicht mit Kräutern wie die Frauen, sondern mit feierlichen Handlungen, die schon recht an Zauberei erinnern. Ob man also von einem Mann sagt, er sei ein Heiler oder er sei ein Zauberer, das läuft so ziemlich auf dasselbe hinaus.
Wenn die Versammlung der Männer dem Boten und der Botin eine Nachricht mitgeben will, dann darf nur der männliche Bote das Versammlungshaus betreten, während die Botin draussen wartet. Umgekehrt darf nur die Botin das Frauenhaus betreten, wenn die Nachricht nach dorthin überbracht wird. Auf dem Rückwege ist es dann ebenso.
Wie das unter diesen Umständen genau möglich ist mit der Übermittlung der Nachrichten, weiss ich bis heute nicht, da ich noch niemals Mitglied der Versammlung der Weisen Männer und auch nicht Bote gewesen bin.
Die Boten und Botinnen sind besonders geschulte Menschen, die für diese Aufgabe ausgewählt und eingewiesen sind. Sie müssen absolut verschwiegen sein, ein hervorragendes und unfehlbares Gedächtnis haben, und sie müssen weite Strecken ohne zu ermüden laufen und sich auch unter schwierigsten Umständen durch die Wildnis kämpfen können (obwohl die Pfade, die die wichtigsten Verbindungen zwischen den Dörfern darstellen, regelmässig gepflegt und freigehalten werden).
Daher unterziehen sich die Boten und Botinnen regelmässig Übungen im Gelände und auch Unterweisungen durch ältere Boten und Botinnen, die sich die Hochachtung der Bewohner der Dörfer schon früher erworben haben. Wenn sie keine Botendienste verrichten, gehen die Boten und Botinnen anderen Beschäftigungen nach, die sie auf ihr Leben nach dieser Aufgabe vorbereiten, denn mit etwa 30 Jahren müssen sie diese Tätigkeit aufgeben.
Als nun die Versammlung der Männer beendet ist (Bote und Botin hatten zwischen den Männern und Frauen vermittelt), werde ich ins Versammlungshaus gerufen, wo mich Grossvater, mein Onkel Milum und der Heiler aus dem Dorf am Fluss erwarten. Mir schlägt das Herz bis zum Halse, denn so etwas gab es noch nie, da ich noch nicht einmal die Weihe zum Jungmann, geschweige denn zum Erwachsenen erhalten habe. Was geht vor?
Nachdem ich respektvoll eingetreten bin, begrüssen mich die drei sehr freundlich, deuten mir an, mich vor sie hinzustellen, und der Heiler spricht zu mir:
„Doaram, Sohn der Geschichtenerzählerin, wir kennen dich alle als den Wissbegierigen. Das ist eine sehr gute Eigenschaft, denn wenn du Vieles und Gutes weisst, kannst du der Gemeinschaft dienlich sein. Da du noch nicht eingeweiht bist, kennen wir deine Lebensaufgabe noch nicht. Aber dein Verhalten deutet schon auf einiges hin.“
Es entsteht eine Pause. Mir ist schwindlig. Ich sehe die Männer wie durch einen Schleier. Sie sind riesengross, obwohl sie auf den Matten sitzen, und ich bin winzig klein. Aber ich reisse mich zusammen, damit ich nicht umfalle. Der Heiler fährt fort:
„Wir wollen dir helfen, vieles von dem, was du wissen willst und was du wissen sollst, zu erfahren. Dein Grossvater hier rechts neben mir hat dir schon so manche Frage beantwortet.“
Zu Grossvater gewandt: „Mein lieber Stammesbruder, mit der grössten Hochachtung danke ich dir für alles, was du für unser Volk getan hast, und in Sonderheit danke ich dir für die vielen Belehrungen, die du unserem Stammessohn Doaram, deinem Enkel, hast zuteil werden lassen.“
Dann wieder zu mir gewandt: „Mein Sohn Doaram, du sollst weitere Belehrungen erhalten, und zwar haben wir deinen Onkel Milum gebeten, dir regelmässig Unterrichtsstunden zu geben und all sein Wissen mit dir zu teilen.“
Zu Milum gewandt: „Mein lieber Stammesbruder Milum, wir danken dir sehr herzlich für die Bereitschaft, Doaram zu unterrichten. Soweit du es wünschst, werden wir dich dafür von anderen Gemeinschaftsaufgaben freistellen.“
Ich werde etwas gelöster, als ich sehe, dass der Weltuntergang nicht stattfindet. Doch die Stimmung ist sehr feierlich, obwohl ausser mir nur diese drei Männer anwesend sind. Wie feierlich würde es erst bei meiner Einweihungsfeier zugehen?
Wieder zu mir gewandt, spricht der Heiler: „Doaram, du wirst vieles von deinem Onkel Milum erfahren, was dir und uns allen nützlich sein wird. Ich bitte dich, diese wunderbare Gelegenheit in Dankbarkeit wahrzunehmen.“
„Denke aber stets daran, dass das Wissen des Verstandes nur ein Teil des Wissens eines erfahrenen Menschen darstellt. Der andere Teil ist das Wissen des Herzens.“
Ich bringe kein Wort heraus. Ich verbeuge mich tief vor jedem der Drei, laufe hinaus und renne zu meiner Mutter, die mich in ihre Arme schliesst.
a6. Die Lehren Milums. Sonnenstand
und Zeitbestimmung.
Gedankenlesen.
Jagd auf Tiere. Fleisch essen.
Mein Onkel Milum ist ein Mensch, zu dem man nicht so leicht Zugang bekommt. Er ist im Dorf geachtet, doch hat kaum jemand ein wirklich herzliches Verhältnis zu ihm. Er ist stets höflich, aber zurückhaltend, und man weiss nie so recht, was er denkt.
Milum war auf der Wanderschaft nach seiner ersten Einweihung sehr lange fortgewesen und kam erst nach 6 Jahren so völlig verändert zurück, dass ihn niemand wiedererkannte. Was er dort draussen erlebt hatte, weiss bis zu diesem Zeitpunkt, als er mir als Lehrer zugewiesen wird, niemand. (Später, als ich lange Zeit sein Schüler gewesen bin und sein Vertrauen gewonnen hatte, und als ich meine grosse Schauung gehabt hatte, wird er mir einiges von seinen Erlebnissen erzählen, die ihn so stark verändert haben.)
Milum hat aber sicher ein grosses Wissen, denn wenn er irgend etwas gefragt wird, kann er fast immer eine vollständige Antwort geben. Jedoch drängt er niemandem sein Wissen oder seine Ratschläge auf. Man muss ihn schon fragen, damit er aus sich herausgeht.
Auch bei den Arbeiten im Dorfe und im Walde und bei der Jagd ist er immer zur Stelle und fleissig dabei, doch ohne viele Worte zu machen. Er ist ein geschätztes Mitglied der Gemeinschaft, gehört aber irgendwie nicht so richtig dazu. Jedoch hat er offenbar die Wertschätzung der Weisen Männer.
Mein eigenes Gefühl zu ihm zu der Zeit, als ich ihm als Schüler zugewiesen werde, besteht aus Neugier, Wissensdurst und Bewunderung. Seine Zurückhaltung gestattet mir eine bescheidene, achtungsvolle Verhaltensweise, die einem Schüler, der soviel jünger ist, ansteht.
Die Unterrichtsstunden bei Milum gestalten sich von vornherein, vor allem stimmungsmässig, etwas anders, als bei meinem Grossvater. Mein Grossvater war mir liebevoll zugetan, und es kam durchaus vor, dass ich ihm vor lauter Begeisterung und Zuneigung um den Hals fiel und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Nicht so bei Milum. Er begreift unseren Unterricht als Aufgabe für die Gemeinschaft, die er sehr ernst nimmt. Und so verhalte ich mich auch, als ich dieses verstanden habe. –
Unsere erste Stunde beginnt damit, dass Milum mich fragt: “Wie verliefen deine Gespräche mit deinem Grossvater?“ Ich erzähle ihm, wie es war.
„Nun gut“, sagt er, „dann frage etwas.“
Ich bin begeistert. Wundervoll! Er bestimmt die Art und Weise, wie der Unterricht geführt werden soll, und ich darf fragen!
Sofort fallen mir die Fragen wieder ein, die ich schon meinem Grossvater gestellt hatte. Doch zunächst will ich etwas anderes wissen:
„Onkel Milum, wenn ich mich mit Gaír verabreden will, dann weiss ich oft nicht, was ich sagen soll, um den Zeitpunkt der Verabredung genau festzulegen. Deshalb kommen wir oft nicht zum gleichen Zeitpunkt an der Stelle an, wo wir uns verabredet haben.“
(Um genau zu sein: Manchmal klappt es aber doch. Manchmal weiss ich einfach, wann Gaír an dem Ort losläuft, wo er gerade ist, und wir kommen genau zur gleichen Zeit an der verabredeten Stelle an. Das klappt aber nicht immer. Ich weiss nicht, woran das liegt.)
Milum nimmt zu meiner Frage Stellung: „Wir bestimmen einen Zeitpunkt gewöhnlich nach dem Stand der Sonne. Das erfordert einige Erfahrung, die du jetzt bald bekommen wirst. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sind ja leicht zu erkennen. Gut ist es zu wissen, wo Süden ist. Der Süden liegt genau zwischen den Punkten, wo die Sonne aufgeht und wo sie untergeht. Diese beiden Punkte verschieben sich zwar im Jahreslauf, aber Süden bleibt immer an derselben Stelle. Wenn du also an einem festen Ort lebst, dann kannst du dir einfach merken, wo Süden ist.“
Milum legt eine Pause ein, schaut mich an, als ob er fragen wollte, ob ich ihn verstanden habe, und fährt dann fort:
„Wenn du dich also zu Mittag verabreden willst, dann verabrede dich zu dem Zeitpunkt, zu dem die Sonne im Süden steht. Das ist zugleich der Zeitpunkt, zu welchem die Sonne am höchsten steht und die Bäume die kürzesten Schatten werfen.“
„Ein anderer Zeitpunkt, der gut zu ermitteln ist, ist die Mitte des Vormittags oder die Mitte des Nachmittags. Zu diesem Zeitpunkt steht die Sonne in der Mitte zwischen dem Punkt, wo sie aufgeht und dem Süden, beziehungsweise in der Mitte zwischen dem Süden und dem Punkt, wo sie untergeht. Das setzt natürlich voraus, dass man sich gemerkt hat, wo die Sonne aufgeht und wo sie untergeht; diese Punkte verschieben sich, wie gesagt, im Laufe des Jahres, aber nur langsam.“
Obwohl Milum langsam und deutlich spricht – ja, ich empfinde seine Stimme und die ganze Stimmung als sehr angenehm – so ist das doch schon ein bisschen viel auf einmal. Milum bemerkt meine Erschöpfung und fragt nach einer Weile:
„War das schon genug für heute?“
Ich kämpfe mit mir, nehme ein paar Mal tief Luft, und sage: „Bitte weiter!“
„Eine andere Möglichkeit ist es, sich zu dem Zeitpunkt zu verabreden, wenn dein Schatten genauso lang ist wie du selbst. Dann ist der Schatten eines Stabes, den du senkrecht in den Boden steckst, genau so lang wie der Stab selbst. Wenn du es ganz genau wissen willst, dann ist es mit dem Stab einfacher. Aber ich glaube, das war jetzt wirklich genug für heute. Nächstens können wir darüber sprechen, was man machen kann, wenn die Sonne nicht scheint, oder wenn es Nacht ist.“ –
Je länger ich bei Milum Unterricht nehme, desto mehr bewundere ich sein Wissen. Er scheint fast alles zu wissen, und wenn er etwas nicht weiss, dann gibt er dies rund heraus zu.
Auch scheint Milum Gedanken lesen zu können. Einmal sprachen wir gerade über die Gefährlichkeit der schwarzen Eber im Walde, und wie man sich vor ihnen schützt, als mir plötzlich einfiel, dass Mutter mich für den Nachmittag gebeten hatte, Holz zu holen und Feuer zu machen, denn sie wollte ihre Familie an dem Abend mit Schweinebraten verwöhnen, wovon ich die braune Kruste am liebsten mochte. (Ich hatte schon gelernt, Feuer zu machen, worauf ich sehr stolz war.) Ohne dass ich irgend etwas gesagt hatte, unterbrach Milum seine Rede und sprach: „Ach, wenn du Holz holen musst, dann machen wir jetzt besser Schluss.“
Ein andermal sprachen wir über die Ausrüstung für eine längere Wanderung, und mir kam die besorgte Frage in den Kopf, was man denn wohl braucht, um einen Fluss zu überqueren. Ohne dass ich ein Wort gesagt hatte, fuhr Milum in seiner Rede fort: „… übrigens, für den Fall, dass man einen Fluss überqueren muss, …“
Solche Gedankenleserei kommt sehr häufig vor, so dass ich heute überzeugt bin, dass er dieses wirklich kann. Erst sehr viel später, nach meinem Aufenthalt in der Einsamkeit, als Milum und ich sehr vertraut sind, können wir darüber offen sprechen, und er gesteht mir, dass diese Gabe des Gedankenlesens eine grosse Bürde sei, die er keinem wünsche und die er gerne lieber nicht hätte. Diese Gabe ist wohl auch einer der Gründe für seine Schweigsamkeit. –
Bei einer anderen Gelegenheit frage ich Milum: „Wo wir nun wissen und gelernt haben, dass die Tiere unsere Brüder und Schwestern sind, die sogar in mancher Hinsicht edlere Geschöpfe sind als wir Menschen, wie kann es dann sein, dass wir sie jagen, töten und essen?“
Milum spricht sehr ernst: „Die Tiere sind wahrlich unsere Brüder und Schwestern. Wir leben mit ihnen und mit ihrer Hilfe. Sie brauchen wiederum unseren Schutz und unsere Hilfe. Sie verdienen all unsere Liebe und Fürsorge, so wie sie auch uns lieben und umsorgen.“
Ich warte noch auf eine Antwort. Milum fährt fort:
„Die Tiere dienen auch zu unserer Ernährung. Wenn wir auf die Jagd gehen, dann fragen wir vorher die Geister der Tiere, ob wir die Tiere jagen dürfen. Erst wenn wir die Zustimmung der Geister der Tiere haben und auch die Zustimmung der Geister des Waldes, dann jagen wir, sonst nicht. Selbst wenn wir nachher Hunger hätten, so ertragen wir lieber diesen Hunger, als dass wir Tiere ohne Erlaubnis jagen würden.“
„Nicht selten kommt es vor, dass ein Tier, dessen Einverständnis wir haben, es zu jagen, sich uns anbietet: Es zeigt sich uns Jägern ohne Scheu, läuft nicht fort und lässt sich erlegen. Es ist ganz wichtig, dass ein guter Jäger dem Tier so wenig Schmerzen zufügt wie möglich; die Jagd und das Erlegen eines Wilds sind ehrfurchtsvolle Handlungen, die mit grosser Achtung vor dem Tier und mit Dankbarkeit vollzogen werden.“
„Es ist gut, zu hungern. Wie du weisst, haben wir manchmal sehr viel zu essen, und manchmal gar nichts. So ist das Leben in der Wildnis; etwas anderes gibt es nicht. Das ist dieses wundervolle Leben in dem grossen Garten der Mutter Erde. Wir sind die Kinder von Mutter Erde, die uns nährt und mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen.“
Ich sitze schweigsam und etwas kleinlaut da, verabschiede mich dann stumm mit den Gesten der Dankbarkeit, und gehe still nach Hause.
Bei einer anderen Gelegenheit kommt Milum auf meine Frage zurück. Er bittet um meine Verschwiegenheit und sagt:
„Der Weise Mann im Dorfe am Berg isst gar kein Fleisch, auch keinen Fisch. Er ernährt sich nur von Pflanzen, wie zum Beispiel von Blättern, Beeren, Früchten, Nüssen, Samen, Wurzeln, Knollen, Stengeln, Körnern, Blumen, und von Erde. Er ist sehr weise und hoch geachtet. Wenn er bei einer Versammlung der Weisen Männer der Dörfer aus unserer Nachbarschaft anwesend ist, dann hat er die höchste Wertschätzung von allen.“
Ich frage: „Warum haben wir in unserem Dorfe keinen Alten Weisen Mann?“
Milum schaut mich lange an und spricht: „Wir hatten einen, den alten Dulgur. Er starb ein Jahr, bevor du geboren wurdest. Er war sehr geachtet. Er starb in den Armen seiner Frau, meiner Mutter. Ich, Milum, bin Dulgurs Sohn. Er erschien meiner Mutter noch ein paar Mal in strahlendem Licht, bevor er für immer verschwand. Meine Mutter war sehr glücklich, ihn so gesehen zu haben, und sie sprach auf ihrem Sterbebett, dass sie nun zu Dulgur gehe. Danach hat es in unserem Dorfe keinen Alten Weisen Mann mehr gegeben. Aber wir sind es zufrieden, weil die Alten Weisen Männer aus den anderen Dörfern oft zu uns kommen und uns gut beraten.“
Ich hatte schon früh Milum versprechen müssen, von den Dingen, die ich im Unterricht erführe, und die sich auf einzelne Menschen beziehen, nichts weiterzuerzählen. Versprechen gelten in unserem Volke als unbedingt zu halten, und so ist dies für mich eine edle Verpflichtung, aber keine Schwierigkeit. Heute habe ich stark das Gefühl, dass etwas angesprochen wird, was sich in ganz besonderem Masse nicht für Gespräche mit anderen Menschen eignet. Manchmal weiss ich aber auch nicht so genau, ob etwas im Dorfe ein Geheimnis ist oder nicht.
a7. Mein Grossonkel Dulgur. Meine Fragen nach der Wiedergeburt
Nach und nach wurde mir klar, dass man mich im Dorfe für die Wiedergeburt Dulgurs, meines Grossonkels, hielt. Dies erklärt vielleicht auch ein wenig die grosse Aufmerksamkeit, die man mir schon als Kind entgegenbrachte, und die Freiheiten, die man mir gewährte. Ich hatte jedoch niemals Erinnerungen an ein Leben als Dulgur und hielt dies und halte es auch heute noch für einen Irrtum, obwohl es eine grosse Ehre ist, als Wiedergeburt eines so bedeutenden Mannes angesehen zu werden.
Ich will es genauer wissen und spreche mit Dulgur im Traum. Er lächelt mich verschmitzt an und sagt: „Mein lieber Neffe Doaram. Ich fühle mich dir sehr verbunden. Ich bin bereits wiedergeboren; ich bin ein Jahr jünger als du, und wir werden uns begegnen. Du wirst mich nicht sofort als Dulgur erkennen, aber du wirst sogleich wissen, dass wir von Herzen einander zugehören. Erst später wirst du bemerken, dass ich der wiedergeborene Dulgur bin.“
Ich sehe mir im Traum den Dulgur ganz genau an, um ihn vielleicht doch sofort wiederzuerkennen. Da ich mich seit langem mit einer schwierigen Frage herumquäle, und da ich weiss, dass Dulgur ein Grosser Weiser gewesen war, frage ich ihn im Traum:
„Grossonkel Dulgur, werden alle Menschen wiedergeboren?“
Dulgur antwortet: „Die allermeisten, aber nicht alle. Wenn ein Mensch schon viele Leben gelebt hat und in seiner Liebe zu den Menschen, zu den Tieren und zu den Pflanzen grosse Fortschritte gemacht hat, und wenn er selbst alle seine Ängste durchlebt und überwunden hat, dann kann er nach seinem leiblichen Tod im Jenseits verbleiben und dort den Seelen Verstorbener bei der Aufarbeitung ihrer vergangenen Leben helfen.“
Ich verstehe nicht. Die Seelen Verstorbener im Jenseits? Aufarbeitung des vergangenen Lebens? Wovon spricht er? Ich weiss in jenem Augenblick noch nicht, wie bald ich sehr viel mehr über diese Dinge erfahren sollte.
Meine Wissbegierde ist bekanntlich stärker als mein Unverständnis, und so ergreife ich die günstige Gelegenheit und stelle noch eine weitere Frage, die mich schon lange beschäftigt:
„Grossonkel Dulgur, können Menschen auch als Tiere wiedergeboren werden, oder umgekehrt, können Tiere auch als Menschen wiedergeboren werden?“
Dulgur antwortet: „Ein lebendes Wesen auf der Erde ist nicht entweder ein Mensch oder ein Tier oder eine Pflanze, sondern er ist alles drei zugleich. Du zum Beispiel glaubst für gewöhnlich, du seiest ein Mensch und nicht ein Tier und nicht eine Pflanze. Das ist aber nur eine mögliche Sichtweise. In einer anderen Sichtweise bist du ein Tier, und in einer noch anderen Sichtweise bist du eine Pflanze. Daher ist es nicht eine Frage eines Entweder-Oder, sondern es ist stets ein Sowohl-als-Auch. Du wirst bald mehr darüber wissen.“
Ich bin restlos überfordert und beschliesse, aufzuwachen. Es gelingt mir nicht einmal mehr, Dulgur noch rasch meinen Dank auszusprechen. –
a8. Milums Mond. Ist
der Mond ein Fladen?
Wo bleibt die Sonne in
der Nacht?
Milum wohnt am Rande des Dorfes, dort, wo es am hellsten ist, weil dort eine Wiese beginnt. Und diese Wiese liegt nach Süden hin, vom Dorf aus gesehen. Milum hat nicht nur mit seiner Familie zusammen ein eigenes Haus, sondern noch eine Hütte daneben, von der niemand so recht weiss, wozu sie dient. Manchmal geht Milum hinein und kommt nach einer kürzeren oder längeren Weile wieder heraus, aber was er dort treibt, das weiss man nicht so recht.
Eines Tages fragt Milum mich im Unterricht, was ich wohl meine, was der Mond sei: Ein Springstein, ein Fladen, oder eine Sonne?
Ich bin es gewohnt, auf Milums Fragen zu antworten, und wenn ich die Antwort nicht gleich weiss, dann denke ich laut nach. So sage ich: „Eine Sonne kann es nicht sein, denn die Sonne wärmt uns, und der Mond ist kalt. Ausserdem hat die Sonne immer die gleiche Form, während der Mond manchmal rund ist wie ein Topf, manchmal ist er nur ein halber Topf und manchmal ist er ganz schmal und geformt wie ein Blatt der Mistel, allerdings nicht grün, sondern gelb Die Sonne macht so etwas nicht. Also, eine Sonne ist er nicht. Es gibt auch nur eine Sonne, da brauchen wir keine zweite.“
„Ein Springstein ist er auch nicht. Ein Springstein hüpft auf dem Wasser auf und nieder. Aber der Mond hüpft nicht. Auch sehe ich kein Wasser.“
„Schliesslich ein Fladen. Was ist das, ein Fladen? Ich weiss nicht, was das ist. Also vielleicht ein Fladen?“
Milum grinst mich an. „Gut gesprochen, Doaram. Lass uns in meine Hütte gehen. Ich will dir etwas zeigen.“
In der Hütte ist es dunkel, aber Milum öffnet eine kleine Luke, durch die sofort die Sonne hereinscheint. Das Sonnenlicht fällt auf eine weisse Kugel von der Grösse eines Menschenkopfes und beleuchtete ganz genau diese Kugel und sonst nichts. Die Kugel hat eine ganz runde, gleichmässige Oberfläche. So etwas genau Rundes und Ebenmässiges gibt es gewöhnlich nicht, und ich frage mich, wer wohl die Kugel gemacht habe und wozu. Es ist wieder eine der vielen Seltsamkeiten des Onkel Milum.
Milum weist mich an, mich ganz an die Wand der Hütte zu stellen und die Kugel mit nur einem Auge zu betrachten. Zunächst sehe ich nichts Besonderes, doch dann sehe ich auf einmal die Form des Mondes wie ein Blatt der Mistel, wenn er kurz nach der Sonne untergeht. Dann wieder sehe ich von einer anderen Stelle der Hütte aus den Mond wie einen halben Kreis, und wenn ich ganz in die Nähe der Luke gehe, durch die das Sonnenlicht hereinfällt, dann sehe ich die ganze Kugel hell erleuchtet, und wenn ich ein Auge zukneife, sieht es aus wie der Vollmond.
Onkel Milum lässt mich noch eine Weile die Kugel aus verschieden Richtungen betrachten; aber immer ergeben sich Formen, die die des Mondes sind. Schliesslich wandert das Licht der Sonne in der Hütte ein wenig weiter von der Kugel fort zur Wand hin, und die Stunde ist beendet. –
In der nächsten Unterrichtsstunde sagt Onkel Milum zunächst gar nichts, aber ich weiss, er will mich etwas fragen. So antworte ich auf seine unausgesprochene Frage und platzte heraus: „Der Mond ist eine Kugel!“
Milum sieht mich ungläubig an und sagt: „Der Mond steht am Himmel, und die Kugel ist in meiner Hütte. Wie kann der Mond also eine Kugel sein?“
Er will mich hereinlegen, oder er versteht mich nicht. Aber ich kenne Onkel Milum gut genug, um zu wissen, dass er mich auf die Probe stellt. So sage ich: „Es gibt zwei Kugeln, die in deiner Hütte und die andere am Himmel!“
„So, wirklich? Wieso siehst du denn die Kugel in der Hütte in den verschiedenen Formen des Mondes?“
„Weil ich ihn aus verschiedenen Blickwinkeln betrachte.“
„Ist dazu noch etwas anderes nötig?“
„Ja, natürlich. Es ist dazu nötig, dass die Kugel nicht von allen Seiten beleuchtet wird, sondern nur von einer Seite.“
„Und woher kommt das Licht?“
„Von der Sonne durch die Luke.“
„Und woher kommt das Licht, welches den Mond am Himmel beleuchtet?“
Ich weiss keine Antwort. Milum sagt: „Du hast sehr gut beobachtet und sehr gut geantwortet. Geh’ jetzt schlafen. Morgen forschen wir weiter.“
Am nächsten Nachmittag sind wir wieder zum Unterricht verabredet, aber zunächst legen wir einen längeren Fussmarsch zurück zu der Stelle, wo man den Sonnenuntergang am besten sehen kann. Milum hatte uns schon öfter hierhergeführt. Ich weiss, dass der Sonnenuntergang nicht an jedem Abend ein Farbenschauspiel bietet, aber wenn Milum uns hinführt, dann ist es immer ein grossartiges Erlebnis. Für die Sinne gibt es für mich kaum etwas Schöneres als einen wunderbaren Sonnenuntergang mit diesen eindrucksvollen Wolkenformen und mit der Vielfalt der schönsten Farben!
An diesem Nachmittag sieht es aber nicht so aus, denn es sind keine Wolken am Himmel. Die Sonne nähert sich dem Rand der Erde, ohne dass wir etwas Besonderes erwarten können. Der Tag würde zur Neige gehen, die Sonne würde in eine uns unbekannte Tiefe versinken, und die Nacht würde mehr und mehr um sich greifen.
Milum gibt mir durch eine Handbewegung zu verstehen, mich zu setzen, und er setzt sich neben mich. „Diese Unterrichtsstunde ist eine Stunde der Geduld und der genauen Beobachtung. Heute ist der Himmel unser Lehrmeister. Bist du bereit?“
Ich bin es. Ich glaube, ich bin stets ein guter Schüler, denn ich will einfach alles wissen. Und heute würde der Himmel uns lehren! Welches Geschenk!
Ich weiss: Die Sonne bewegt sich langsam auf den Rand der Erde zu, wird erst hellrot und dann dunkelrot, taucht in den Rand der Erde ein, wird wie von unten abgeschnitten, bis sie schliesslich hinter oder unter dem Rand der Erde verschwindet.
So warte ich auf etwas, was ich schon zu kennen glaube. Die Sonne steht noch in voller Pracht am Himmel, und man kann nicht in sie hineinsehen. Wir warten. Ich weiss, dass Geduld eine wichtige Tugend ist und übe mich bei jeder Gelegenheit darin. So ist dies wieder eine gute Übung. Ich fühle mich in Milums Gegenwart wohl, obwohl er schweigt, und ich gebe mich meinen Tagträumen hin. Ab und zu überprüfe ich den Stand der Sonne, und wie vorherzusehen war, nähert sie sich dem Rande der Erde.
Sehr langsam wird sie etwas röter, später kräftiger rot, und dann ganz dunkelrot, ehe sie schliesslich in den Rand der Erde eintaucht. Es sind kaum Wolken am Himmel, und das ganze verläuft so wie erwartet. Als die Sonne unter dem Erdenrand verschwunden ist, weist Milum mich mit einer kleinen Handbewegung auf eine Stelle am Himmel, die etwas über dem Ort liegt, wo gerade die Sonne untergegangen war. Dort steht der Mond! Ein kleiner Streifen nur, rechts, etwa in der Form eines Blattes der Mimose. Milum unterbricht die atemlose Stille und fragt mich: „Woher kommt das Licht, welches den Mond beleuchtet?“
Ich hatte gerade eben die Sonne untergehen sehen und weiss, wo sie ist. Sie beleuchtet den Himmel und die wenigen dort vorhandenen Wolken immer noch. Also auch den Mond! So sage ich leise, selbst fast sprachlos vor Staunen und vor dieser so einfachen Erkenntnis: „Von der Sonne!“ Und nach einer Weile des Nachdenkens: „Dieselbe Sonne, die durch deine Luke auf die weisse Kugel schien, ist es, die den richtigen Mond beleuchtet!“
Man kann sogar den ganzen Mond sehen. Der Teil, der nicht direkt von der Sonne beleuchtet wird, ist nur schwach zu sehen, aber beide Teile zusammen genommen, der helle und der blasse Teil, bilden einen vollkommenen Kreis, oder besser gesagt, eine vollkommene Kugel. Ich schwebe in meiner Vorstellung auf ins Welten-All und kann das alles genau erkennen. Der Mond ist eine Kugel, und zu den verschiedenen Zeiten des Monats sehen wir ihn aus verschiedenen Blickwinkeln, so wie ich die weisse Kugel in Milums seltsamer Hütte aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen habe.
Das bedeutet aber auch, dass die Sonne immer noch vorhanden ist, auch wenn sie hinter dem Erdenrand verschwunden zu sein scheint. Man sieht das ja auch schon deutlich an den Wolken, die sie nach ihrem Untergang immer noch beleuchtet und in die schönsten Farben taucht. Dies zu Ende gedacht bedeutet, dass die Sonne niemals verschwindet, sondern nur irgendwie hinter oder unter der Erde sich versteckt und am nächsten Morgen wieder hervorkommt. Es ist nicht viel anders, als wenn die Sonne für eine Weile von einer Wolke verdeckt wird und dann wieder hervorkommt; in diesem Fall kommt kein Mensch auf den Gedanken, dass sie vorübergehend nicht vorhanden sei.
a9. Erde, Sonne, Mond
Eines Nachmittags überrascht mich Milum mit der Aufforderung, ihn in der kommenden Nacht zu begleiten. Er verspricht, mich rechtzeitig zu wecken; ich solle schon etwas im Voraus schlafen.
Nach dem Aufbruch gelangen wir bald auf eine kleine Lichtung im Wald unweit unseres Dorfes, wo wir annehmen können, ungestört zu sein. Wir machen es uns bequem, und Milum hat offenbar Lust zu reden. Er schaut zum Himmel und spricht:
„Schau zu den Sternen. Es gibt unglaublich viele davon. Sie bevölkern das Weltall, aber wir können sie nicht erreichen. Wir wissen auch nicht, wozu sie dort sind, wer sie gemacht hat, und woraus sie bestehen. Aber wir können sie bewundern; selten kann man so ehrfürchtig staunen wie beim Anschauen des Himmels.“
„Denke an die Menschen, die Tiere und die Pflanzen. Es gibt unglaublich viele davon. Sie bevölkern die Erde, aber wir können ihre Seelen nicht erreichen. Wir wissen auch nicht, wozu sie hier sind, wer sie gemacht hat, und woraus sie bestehen. Aber wir können sie bewundern; selten kann man so ehrfürchtig staunen wie beim Schauen in die Welt um uns herum.“
„Denke an deine Gedanken, an deine Gefühle und an deine Träume. Es gibt unglaublich viele davon. Sie sind in Deinem Kopfe und in deinem Herzen, aber wir können sie nicht ergreifen. Wir wissen auch nicht, wozu sie da sind, wer sie gemacht hat, und woraus sie bestehen. Aber wir können sie bewundern; selten kann man so ehrfürchtig staunen wie beim Schauen in sein Inneres.“
„So sind wir Mitspieler in einem grossen Schauspiel, dessen Regeln wir nicht kennen. Unsere Rolle in diesem Spiel verstehen wir nicht; erst durch Ausprobieren, durch viele Irrtümer und Fehler, lernen wir mit der Zeit, uns in diesem Spiel so zu bewegen, dass wir einer Rolle gerecht werden, die wir nicht durchschauen. Aber es gelingt uns nicht immer.“
„Durch die lange Erfahrung, die unser Volk im Laufe vieler Menschenalter gemacht hat, haben sich die Grundregeln herausgebildet, die du schon zu einem Gutteil kennengelernt hast, und die es zu befolgen gilt. Durch diese Regeln wird bewirkt, dass unsere Kinder ein genauso gutes Leben haben werden wie wir selbst. Dabei ist es nicht so wichtig, dass alles immer nur friedlich verläuft; manchmal muss man auch ordentlich schimpfen können und auch sein Missfallen ausdrücken über das Verhalten eines anderen. Damit es dabei aber nicht zu Tätlichkeiten kommt, die jemanden verletzen könnten, sind die Wettkämpfe eingerichtet worden, die immer zu Erntedank stattfinden.“
„Viel wichtiger ist es, Mutter Erde zu erhalten und unsere Mitgeschöpfe, die Tiere und die Pflanzen. Wir dürfen nicht zu viele Bäume fällen, nicht zu viele Tiere jagen, und nicht zu viele Pflanzen schneiden. Die lebendige Welt um uns herum muss ohne Schaden weiterleben können, denn wir leben mit ihr und durch sie. Nur, wenn wir uns als einen lebendigen Teil dieser Welt empfinden, kann der Einklang bestehen bleiben. Der Mensch trägt in diesem Gemeinschaftsleben eine besondere Verantwortung, denn er hat einen fähigen Verstand, eine herausragende Erfindungsgabe und eine grosse Geschicklichkeit in vielen Dingen. Daher kann er der uns umgebenden Lebenswelt viel schaden oder aber auch viel nützen. Wir sind aufgerufen, ihr zu nützen und ihr nicht zu schaden.“
Inzwischen steht der Mond in voller Pracht und Schönheit am Himmel, und es ist geradezu so, als wolle er sein Licht herabfliessen lassen auf diese wichtigen Worte Milums. Dieser verstummt nach so vielen Worten. (Wie es meine Gewohnheit ist, hatte ich, ohne zu ermüden, aufmerksam zugehört, denn zum Einen will ich immer alles wissen, und zum Anderen weiss ich aus vielerlei Erfahrung um die unerschöpflichen, oft ganz ungewöhnlichen Kenntnisse Milums.)
Milum wendet sein Gesicht dem Monde zu, und wie von selbst tue ich das Gleiche. Der Mond leuchtet still zu uns herab und lächelt uns zu. Doch nach einer Weile fängt er an, am unteren Rande eine Einbuchtung zu bekommen, so, als ob er dort eingedrückt würde. Diese Einbuchtung wird grösser, und das Bild wandelt sich: Es sieht jetzt so aus, als ob sich eine kreisförmige Scheibe vor den Mond schieben würde. Diese Scheibe verdeckte den Mond immer mehr und immer mehr, bis er nach einer Zeit vollständig verdeckt und verschwunden ist.
Eine lähmende Dunkelheit liegt über uns und über dem Walde. Es ist gespenstisch. Vorher noch die vom Monde hell erleuchtete Lichtung, und jetzt diese Totenstille und Dunkelheit. Wenn nicht Onkel Milum da wäre, würde ich richtige Angst bekommen.
Nach wieder einer Zeit kommt der Mond zögerlich unten wieder hervor, zunächst in Form eines schmalen Apfelstückes, dann mehr, dann halb, bis er endlich seine volle Grösse und Helligkeit wiedererlangt hat. Die freundliche Stimmung einer Vollmondnacht mit einem fröhlich lachenden Mond ist zurückgekehrt.
Als wir uns von dem Staunen ein wenig erholt haben, beginnt Milum, mir Fragen zu stellen. Durch seine Fragen und aufgrund unserer sorgfältigen Beobachtungen, ausserdem mit Rückgriff auf unsere Erfahrungen mit dem sichelförmigen Mond am jenem Abend, kann Onkel Milum mich nach und nach von folgendem überzeugen:
1. Die Mondfinsternis kommt dadurch zustande, dass die Erde sich zwischen Sonne und Mond schiebt.
2. Die Erde ist eine Kugel.
3. Der Durchmesser der Kugel Erde ist nahezu viermal so gross wie der Durchmesser der Kugel Mond.
4. Die Sonne ist sehr viel weiter von uns entfernt als der Mond und ist sehr viel grösser als der Mond.
5. Die Sonne ist höchst wahrscheinlich auch eine Kugel. –
In den folgenden drei Nächten schlafe ich sehr viel länger als gewöhnlich. In meinen Träumen, die sich bis in die Tagträume hinein fortsetzten, schwebe ich mit den Gestirnen durch den weiten Raum, der erfüllt ist von fast greifbaren Kugeln: Erde, Mond und Sonne.
Mir wird immer deutlicher, wessen es bedarf, um zu einer neuen Erkenntnis zu erlangen: Da sind zuerst einmal Neugier und Wissensdurst erforderlich, dann Geduld und Hartnäckigkeit, schliesslich genaues Beobachten und scharfes Nachdenken. Der Vorgang der Erkenntnis kann Tage, Wochen, Monate oder Jahre dauern. Während man lange Zeit die Lösung des Rätsels nicht finden kann, obwohl viele Einzelheiten bekannt sind und viele Gedanken versuchen, ein Ganzes zu bilden, gibt es einen Augenblick, in dem die Erkenntnis plötzlich da ist, strahlend und hell, unverrückbar und unbezweifelbar. Mag sein, dass erst in der Zeit danach mühsam alle Einzelheiten der Beobachtung zusammengetragen werden müssen, die eine sichere Grundlage für die neue Sichtweise darstellen; mag sein, dass erst im Laufe der Zeit alle Gedankenschlüsse Form gewinnen, die auch Zweifler überzeugen können; aber das neue Wissen ergreift den forschenden Geist wie ein Blitz und ein Donnerschlag, die einen nicht mehr zu löschenden Eindruck hinterlassen. Derjenige, dem die Erkenntnis zuteil ward, braucht die Begründungen nicht mehr.
a10. Mein vergangenes
Leben am Fluss und dortiger früher Tod.
Schulung im Jenseits. Planung
meines jetzigen Lebens
Einmal verfiel ich in Fieberträume und erlebte mein voriges Leben am Fluss, an das ich mich schon als Kind erinnert hatte; ich erlebte meinen damaligen frühen Tod, meine anschliessende Reise ins Jenseits und die dortige Aufarbeitung des vorigen und die Planung meines jetzigen Lebens.
Ich bin krank. Ich habe hohes Fieber, und meine Mutter und zwei Weise Frauen kümmern sich um mich. Ich mag nichts essen, aber das ist so in Ordnung, wie die Frauen befinden. Hingegen trinke ich viel, einfach nur angewärmtes klares Wasser oder Aufgüsse von Kräutern, die die Heilerinnen für mich aussuchen, pflücken und zubereiten. Die Kräuter-Getränke sind allerdings stark und bitter, so dass ich froh bin, wenn ich wieder einmal einfaches, klares Wasser trinken darf. Ich bekomme kalte Wickel um die Waden, werde gut zugedeckt und sorgsam behütet. Es tut mir gut, so liebevoll umhegt zu werden.
Wenn ich schlafe, habe ich lebhafte Träume; wenn ich wache, schaue ich dem Licht zu, welches in unsere Hütte fällt, wie es an der Wand spielt, sich dort langsam verschiebt, welche Farben sich bilden, und welche Gefühle ich dabei habe. Die Wände der Hütte kommen manchmal ganz nah auf mich zu, manchmal entfernen sie sich, manchmal verbiegen sie sich und nehmen die seltsamsten Formen und Farben an. Mein Kopf und meine Gliedmassen scheinen bisweilen anzuschwellen, sich auszudehnen, sich wieder zusammenzuziehen, zu pulsieren, sehr warm zu werden, um dann wieder ihre normale Form und Grösse anzunehmen. Bei alledem fühle ich mich wohlig und gesegnet mit seltsamen Gefühlen, die ich sonst nicht kenne.
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